Die Gründung im Jahre 1907

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Dem bereits im Jahre 1867 gegründete Landesverband für Innere Mission in der ev.-luth. Landeskirche Sachsens kam Ende des 19. Jahrhunderts die Aufgabe zu, die Aktivitäten der vielen evangelischen Frauenverbände zu bündeln.

Ein erster zaghafter Versuch war ein Kursus über die "Innere Mission für Jungfrauen" im März 1895, der im Festsaal der Diakonissenanstalt in Dresden auf der Bautzner Straße stattfand. Vortragsthemen waren u. a. "Träger der christlichen Liebestätigkeit in unserem Jahrhundert", "Fürsorge für die Kinderwelt" und "Die Frau im gewerblichen Leben". Immerhin 120 Frauen aus verschiedenen Vereinen nahmen daran teil.

Einer der Protagonisten dieses Kurses war Pfarrer Rudolf Weidauer, der seit 1891 als Vereinsgeistlicher im Landesverband für Innere Mission angestellt war. In seinen Zuständigkeitsbereich fiel u. a. die Geschäftsführung des Ausschusses für Haushaltwesen. Daraus entstand im Jahre 1901 die "Mutter-Anna-Schule", eine Haushaltsschule unter Leitung von Frau Anna von Nostiz-Wallwitz. In der Schule sollte neben der praktischen Ausbildung auch der "Sinn der christlichen Liebestätigkeit gepflegt werden."

Im Mai des gleichen Jahres wurde auch der zweite Kursus zur Zusammenführung der Frauenvereine durchgeführt. Unter dem Titel "Vorträge für Frauen und Jungfrauen aller Stände zur Einführung in die freiwillige Liebestätigkeit" kamen 234 Frauen zusammen. Eine unbekannte Teilnehmerin verfasste folgendes Gedicht im Nachgang dieser Veranstaltung, das den Zeitgeist zu Beginn des 19. Jahrhunderts treffend wiedergibt:

Auf, auf ihr deutschen Frauen,
Die ihr den Heiland ehrt,
Habt ihr den Ruf "zur Arbeit"
Verstanden und gehört?

Auf, auf ihr deutschen Frauen,
Die ihr des Heilands seid,
Macht euer Herz und Hände
Zur Arbeit gern bereit.

Und segne Herr, die Tage,
Die du uns hast beschert,
Auf dass in Liebesarbeit
Dich jede freudig ehrt.

(Bausteine Nr. 396, Juni 1901)

Die Regelung eines geordneten Einsatzes von Frauen in den Kirchgemeinden, die schon damals Hauptträger des kirchlichen Lebens waren, wird zusätzlich zu den Bemühungen durch den Landesverband der Inneren Mission im Jahre 1906 auch von der VIII. ordentlichen Landessynode angemahnt.
Sie fordert das Landeskonsistorium auf, eine entsprechende Verordnung zu erlassen. In der Kirchenvorstands- und Synodalordnung vom 22. 11. 1906 wurde festgelegt, dass Frauen für das kirchliche Leben offiziell als Helferinnen hinzugezogen werden können. In der Verordnung wird die Hoffnung geäußert, dass es "...[die] natürliche Aufgabe der christlichen Frauen und Jungfrauen [ist], sich für diese neue Ordnung gewinnen zu lassen."

Im Jahr des Beschlusses der Landessynode hatte Pfr. Weidauer in der Einladung zu den Vereinstagen der Inneren Mission für den 30. April - 2. Mai 1906 einen Vortrag über "Die geordnete Mitarbeit der Frauen an den Werken der Liebe in der Gemeinde und in der inneren Mission, eine Notwendigkeit auch für unsere Landeskirche" angekündigt.
Dieser Vortrag war als Initialzündung für die Bildung eines Dachverbandes der bisher bestehenden evangelischen Frauenverbände gedacht. Durch den Tod von Rudolf Weidauer am 17. April 1906 verschob sich dieses Vorhaben um ein Jahr.

Fast genau ein Jahr nach dem Tod von Pfr. Weidauer hielt sein Nachfolger Pfr. von der Trenck am 16. April 1907 den angekündigten Vortrag. Darin stellte er sowohl Ziel als auch die Aufgaben des neuen Zusammenschlusses der Frauenvereine vor.
"Nicht die Gründung neuer Vereine, sondern Eingliederung der gesamten weiblichen Liebestätigkeit in den Organismus der kirchlichen Gemeinde, also die Schaffung wirklich "kirchlicher" Frauenhilfe". Die bisher zersplitterte Tätigkeit der Frauenvereine soll also unter dem Dach der Kirche vereinigt werden und die Arbeit der Frauen die Annerkennung erhalten, die ihr gebührte. Vorbild für den Zusammenschluss war die preußische Frauenhilfe, der 1907 bereits 1200 Frauenvereine angehörten.

Als Aufgaben des Zusammenschluss trägt Pfr. von der Trenck die weitere Durchführung von Instruktionskursen für Leiterinnen von bestehenden Vereinen sowie von Ausbildungskursen, für so genannte Berufsarbeiterinnen wie Haushaltlehrerinnen oder Kleinkindschullehrerinnen, die sich hauptberuflich der "Liebestätigkeit" widmen wollen. Den Namen und die Form des Zusammenschlusses lässt der Vortragende offen.

In dem Vortrag kündigt Pfr. von der Trenck die Herausgabe der Zeitschrift Tabea an, deren erste Nummer zeitgleich erscheint. Tabea soll gleichzeitig die Liebestätigkeit der Frauen durch Berichte aus der Praxis anregen und durch theologische Auslegungen bestärkt werden.

Im Anschluss an die Diskussion um die Form der Zusammenführung der bestehenden evangelischen Frauenverbände wird am 17. April 1907 ein Ausschuss aus 5 Frauen und 5 Männern gewählt, der über die endgültige Form beraten soll.

Nach intensiven Beratungen des gewählten Ausschusses wird am 4. Oktober 1907 die Bildung des "Ausschusses für christlichen Frauendienst in Sachsen" bekannt gegeben. Es soll kein neuer Verein sein, sondern "hat die Aufgabe, im Anschluss an den Landesverein für Innere Mission der evangelisch-lutherischen Landeskirche im Königreich Sachsen für die Zwecke des Frauendienstes auf dem Gebiete der christlichen Liebestätigkeit anregend, beratend, helfend und zusammenfassend tätig zu sein." (Aus Artikel 1 der Satzung des Ausschusses).

Um dieses Ziel zu erreichen, setzte sich der Ausschuss wie folgt zusammen:

"a) den in der Versammlung vom 17. April 1907 gewählten 5 Frauen,
b) einem Vereinsgeistlichen der Inneren Mission,
c) Vertretern der evangelisch-lutherischen Diakonissenanstalten,
d) Vertretern der von den Kirchenvorständen in den Gemeinden berufenen Helferinnen,
e) Vertretern der Stadt- und Kreisvereine der Inneren Mission,
f) Vertretern der Frauenvereine, sowie sonstigen Anstalten und Vereinigungen für christlichen Frauendienst,
g) Vertretern des Verbandes der Jungfrauenvereine,
h) zugewählten Personen " (Artikel 3 der Satzung)

Die Zusammensetzung macht es deutlich. Die Vertreter wirklich aller bestehenden Vereine sollten miteinander in Austausch treten und ihre Arbeit vernetzen. Ein sehr moderner Ansatz!

Der Ausschuss wird von einem 15 köpfigen Vorstand geführt, der ausschließlich aus Frauen besteht. Der Vereinsgeistliche des Landesvereins für Innere Mission wird dem Vorstand als Schriftführer zugeordnet. Erste Vorsitzende des Frauenvereins wird Frau Rosa von Zeschwitz (+ 1910).

Bettina Westfeld, Historikerin