Die Schule für christlichen Frauendienst

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1907 und 1911 hatte die Landessynode den Gemeinden in Beschlüssen nahegelegt, Frauen als Gemeindehelferinnen einzustellen. Motor dieser Beschlüsse waren Petitionen des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes. Damit stellte sich die Frage nach einer adäquaten Ausbildung. Der Landesvereins für Innere Mission im Jahre 1913 übertrug dieser die Aufgabe dem Landesverband für christlichen Frauendienst.
Der erste Lehrgang begann im Oktober 1913 mit 17 Teilnehmerinnen in Dresden. Nach einem halben Jahr theoretischen Unterrichts wurden die Kursteilnehmerinnen für ein weiteres halbes Jahr in Einrichtungen der Inneren Mission eingesetzt. Die erste ausgebildete Gemeindehelferin wurde im Jahre 1914 in der Pauli-Gemeinde in Chemnitz angestellt. Dank des großen Zuspruchs wurde der Kurs wiederholt und das Unterrichtsangebot vor allem um Fragen der Kinderpflege erweitert.

Durch den Erfolg der Kurse konnte am 9. Oktober 1916, mitten im 1. Weltkrieg, die Schule für christlichen Frauendienst auf der Bertheltstraße 1 in Dresden in Betrieb genommen werden. Die feierliche Eröffnung erfolgte im Beisein von Vertretern des Landeskonsistoriums, des sächsischen Innenministeriums und des sächsischen Ministeriums für Kultus und öffentlichen Unterricht.
Oberhofprediger Dr. Franz Dibelius verdeutlicht in seiner Eröffnungsrede das damals geltende Frauenbild innerhalb der Landeskirche: "Es gibt nur einen Frauendienst, das ist die Liebe. Gott habe die Frauen in besonderem Maß zu Botinnen der Liebe bestellt. ... Und darum muss es auch im christlichen Frauendienst eine Frauenschule geben, damit die Erfahrung  der Älteren den Jüngeren zu Gute komme und mehr Hände recht zugreifen lernen, dem Herrn in seinem Geringsten auf der Erde zu dienen."
Zuerst wurden 17 Schülerinnen an der Schule aufgenommen. Die Ausbildungsinhalte waren in drei Ebenen unterteilt:

  1. "Religiöse und nationale Grundlegung“ mit Fächern wie "Altes und Neues Testament", "Kirchengeschichte" und "Deutsche Geschichte"
  2. "Vorbereitung der Berufsarbeit" mit den Fächern "Kirchliches und Bürgerliches Gemeindeleben", "Gesundheitslehre", "Geschichte der Frauenbewegung" und "Bekämpfung der Volkssünden".
  3. "Praktische Anleitungen" , z. B. "Kirchliche Aktenführung", "Hauswirtschaft und Hausschneiderei" sowie "Anleitung zum Halten von Vorträgen".

Die praktische Ausbildung findet in den Anstalten der Inneren Mission oder in ähnlichen Einrichtungen statt. Eine Aufnahme in die Schule ist für alle Frauen möglich, die zwischen 20 und 40 Jahren alt und ev.-luth. Bekenntnisses waren und eine höhere Mädchenschule abgeschlossen haben. Die Schulleitung oblag dem Landesverband für christlichen Frauendienst, wahrgenommen durch den jeweils amtierenden Vereinsgeistlichen. Das Landeskonsistorium übernahm eine so genannte Schutzherrschaft, was auch eine verbesserte Vermittlung der Absolventinnen ermöglichte. Diese konnten als Gemeindehelferin, Jugendhelferin, Bezirkspflegerin aber auch als Hilfsbeamtin in sozialen Fürsorgeämtern arbeiten.

Nach dem Ende des ersten Weltkrieges wird der Lehrbetrieb an der Schule weiter ausgebaut. Die Ausbildungszeit beträgt nun zwei Jahre und der Lehrstoff wird differenziert und ausgebaut. Bereits am 4. Februar 1919 gelingt es, die Schule als vom Freistaat Sachsen staatlich anerkannte Wohlfahrtsschule bestätigen zu lassen. Damit ist der Fortbestand der Schule trotz des kirchenfeindlichen Klimas im Sachsen der Weimarer Republik gesichert. Aus Anlass des 25jährigen Bestehens des Christlichen Frauendienstes im Jahre 1932 konnte festgestellt werden, dass bisher 238 Schülerinnen an der Schule ausgebildet worden waren. Die große Mehrheit von ihnen, 67 % befanden sich in kommunaler Anstellung, nur 21 % in kirchlicher Anstellung. Dies zeigt die große Wertschätzung der staatlichen Stellen für die Ausbildung, aber auch den mangelnden Willen der Kirchgemeinden, Frauen für ihre Gemeinden einzustellen.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der damit auch verbundenen gravierenden Veränderungen für die Kirche geht der Schulbetrieb zunächst für drei Jahre fast unverändert weiter, aber die nationalsozialistische Ideologie fasst langsam Fuß.
Im Mai des Jahres 1936 wird die Schule aufgelöst und teilweise in die NSV-Wohlfahrtsschule integriert. Dem Landesverband wird die staatliche Lizenz entzogen, die Frauenschule weiter zu betreiben. Allerdings gelingt es dem Landesverband bereits im Herbst des gleichen Jahres eine eigene Schule zu eröffnen, die bewusst an die Tradition der Ausbildung von Gemeindehelferinnen aus dem Jahre 1913 anknüpft und auf den kirchlichen Bereich beschränkt ist. 

Bettina Westfeld, Historikerin MA