Der Landesverband in der Zeit des Nationalsozialismus

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Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 das Amt des Reichskanzlers übertragen bekam, verband neben großen Teilen der Bevölkerung auch die Mehrheit der sächsischen Pfarrerschaft große Hoffnungen damit. Viele glaubten, dass durch den Artikel 24 des Parteiprogramms der NSDAP, der die "Freiheit aller religiösen Bekenntnisse" forderte, nach den für die Kirche bedrängenden Erfahrungen im "roten Sachsen" ein neuer Aufbruch gelingen könnte. Auch der Landespfarrer des Landesverbandes Paul Seyffert begrüßte anfangs öffentlich den Nationalsozialismus und forderte die Frauen auf, sich in den Dienst des neuen Staates zu stellen.

Nur wenige Monate nach dem Machtantritt wird aber deutlich, dass der Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus nicht mit der Ausübung des Christentums zusammenpasst. Auch die kirchlichen Strukturen sollen nach den Vorstellungen der Nationalsozialisten umgeformt werden. 1933 setzt sich der sächsische Innenminister über alle Bestimmungen hinweg und überträgt dem Dresdner Pfarrer und Gaufachberater Friedrich Coch kommissarisch die Leitung sämtlicher kirchenleitender Organe. Coch, der im August 1933 von der "braunen Synode" zum Landesbischof gewählt wird.
(Weiteres zu diesem Thema unter http://www.evlks.de/landeskirche/geschichte/7531.html)

Bei den im Juli 1933 durchgeführten und teilweise manipulierten Kirchenwahlen erlangen die Deutschen Christen (DC) durch massive Unterstützung der NSDAP 75 % der Stimmen in den Kirchenvorständen. Ihnen stehen die Mitglieder der Bekennenden Kirche (BK) gegenüber. Dazwischen versuchen die Vertreter der "Mitte" ihren Verkündigungsauftrag in der Landeskirche wahrzunehmen, ohne in Berührung mit den kirchenleitenden Organen zu kommen.
In dieser so zerrissenen sächsischen Landeskirche versuchte der Landesverband für christlichen Frauendienst und die ihm angeschlossenen einzelnen Vereine ihren Weg zu finden. Der Riss zwischen den Sympathisanten der einzelnen Gruppen von DC, BK und "Mitte" ging durch alle Gemeinden und auch durch die einzelnen Frauenvereine.

Um einer Einordnung in die NS-Frauenschaft zu entgehen, wurde die Frauenarbeit ab Anfang Juni 1933 als "Frauendienst in der Kirchgemeinde" umorganisiert und den Vereinen verboten, sich aufzulösen oder anderen Organisationen anzuschließen. Es gelang so, die Arbeitsfähigkeit des Landesverbandes und der Frauenvereine vor Ort bis zum Ende des Nationalsozialismus aufrechtzuerhalten.
Im Oktober 1933 tritt die langjährige Vorsitzende Marie von Carlowitz zurück und wird durch die ehemalige Bezirkleiterin von Löbau Hertha von Burgsdorff ersetzt.

Der Landesverband versucht durch die Mitarbeit im "Winterhilfswerk des deutschen Volkes" wieder mehr Aufgaben der Wohlfahrtspflege zu übernehmen, von denen man in der Weimarer Republik ausgeschlossen war. Die Illusion verfliegt schnell, dies ohne Anbindung an eine NS-Organisationen tun zu können. So kann die Müttererholung ab Ende 1934 nur unter dem Dach des NS-Werkes "Mutter und Kind" erfolgen.

Eine große Sorge des Landesverbandes gilt der sozialen Frauenschule. Im Januar 1936 ordnet Gauleiter Mutschmann das Ende der Staatsbeihilfen für die Schule an und die Schule verliert die Lizenz. Schon im Mai 1936 geht die Schule in der NSV-Wohlfahrtsschule in Dresden-Blasewitz auf. Die verbleibenden Schülerinnen der Frauenschule des Landesverbandes werden übernommen Die langjährige Lehrerin der sozialen Frauenschule Dr. Ida Rost, Mitglied der NSDAP, wird in den neuen Lehrkörper übernommen und stellvertretende Leiterin der NSV-Wohlfahrtsschule.

Der Landesverband für christlichen Frauendienst richtet daraufhin in beeindruckender Geschwindigkeit am 1. Oktober 1936 eine Schule für kirchlichen Dienst unter der Leitung von Käthe Ehrhold, der langjährigen Reisesekretärin des Frauendienstes, ein. Diese neue Schule beruft sich ausdrücklich auf den Ursprung der ersten Frauenschule, der Ausbildung von Gemeindehelferinnen seit 1913. Ab dem Jahre 1939 bietet die Schule sogar Orgelfortbildungskurse an, um die Kantoren, die zur Wehrmacht eingezogen waren, zu ersetzen. Nach 1942 geht die Schule in die Trägerschaft des Landesvereins für Innere Mission über und wird in "Amalie-Sieveking-Haus" umbenannt. Es gelingt trotz aller Schwierigkeiten, den Unterricht bis zur Zerstörung Dresdens im Februar 1945 aufrechtzuerhalten. Schon im Mai 1945 wird ein provisorischer Unterrichtsbetrieb in Radebeul wieder aufgenommen und während der Zeit der DDR gilt das "Amalie-Sieveking-Haus" als eine der wichtigsten kirchlichen Ausbildungsstätten.

Im Mai 1937 tritt Hertha von Burgsdorff zurück, da offenbar die Tätigkeit ihres Mannes im Staatsdienst durch ein neues Gesetz der Nationalsozialisten nicht mit ihrer kirchlichen Leitungstätigkeit vereinbar ist. Als neue Vorsitzende folgt ihr die Bezirksleiterin von Oschatz, Marianne Sahrer von Sahr nach. In ihren Erinnerungen schreibt sie, dass sich der Landesverband seit ihrem Amtsantritt im Jahre 1937 bis zum Kriegsende vor allem auf die Durchführung von Bibelarbeiten für die Frauen konzentriert hat. Sämtliche praktische Arbeiten waren stark eingeschränkt. Außerdem gibt es trotz der Überführung der einzelnen Vereine in den "Schoß" der Kirchgemeinde ständige Bestrebungen von NSDAP und Gestapo, den Landesverband aufzulösen. Die Zeitschrift "Christlicher Frauendienst muss im Jahre 1941 eingestellt werden.

Die Kriegsjahre waren vom ständigen Bemühen gekennzeichnet, den Landesverband zu erhalten. Dabei kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem Landeskirchenamt, das sich seit Anfang der vierziger Jahre weigerte, die Kollekte für die Frauenseelsorge weiter an den Landesverband zu überweisen. Erschwerend für das Verhältnis kam sicher hinzu, dass 1943 Esther von Kirchbach, Mitglied der Bekennenden Kirche in den Beirat des Landesverbandes aufgenommen wurde. Die Auseinandersetzung mit dem Landeskirchenamt gipfelte im Januar 1945 in der Ernennung von Ruth Lauber, einer deutsch-christlichen Pfarrerin welche seit 1931 der NSDAP angehörte, als Verantwortliche für die landeskirchliche Frauenarbeit. Mit der Ernennung Ruth Laubers sollte offenbar der Versuch unternommen werden, die Struktur des Landesverbandes entscheidend zu ändern und ihm seine Eigenständigkeit zu nehmen.

Durch den schweren Bombenangriff am 13. Februar 1945 auf Dresden kam die Verwaltungsarbeit des Landesverbandes weitgehend zum Erliegen. Die Arbeit der einzelnen Vereine vor Ort ging je nach Engagement der Mitglieder aber unvermindert weiter.

Bettina Westfeld, Historikerin MA