Der Weltgebetstag der Frauen

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1949 tagen die evangelischen Frauenverbände aus Ost- und Westdeutschland in Stein. Internationale Gäste sind anwesend. Die deutschen Frauen sind beeindruckt von der Solidarität der ausländischen Christinnen für die von tausendfachen Nöten überforderten deutschen Frauen. Noch während der Tagung wird die erste deutsche Weltgebetstagsliturgie „Auch ein Weg zum Frieden.“ erarbeitet. Über die vorhandenen Strukturen der Frauenarbeit wird sie als Monatsthema für März 1949 verbreitet. Frauen aus Amerika finanzieren den Druck der ersten Ordnung in Deutschland. So findet der Weltgebetstags-Gottesdienst als Friedensgottesdienst Eingang: "Sich in diese große Kette betender Liebe einzuschließen", ist ein Weg zum Frieden. Keine andere Struktur hätte es ermöglicht, so schnell so viele Gemeinden in ganz Deutschland zu erreichen. Der Tag führt Frauen mit unterschiedlicher Prägung, kirchennahe wie kirchenferne, zusammen in eine Gemeinschaft des weltweiten Gebets.

Die erste 1949 in Stein verfasste deutsche Weltgebetstagsliturgie erreichte die Geschäftsstelle der Frauenarbeit zu spät, um noch verteilt zu werden. Doch Sup. Karl Aè, leitender Pfarrer der Frauenarbeit, war beeindruckt von der Idee des Weltgebetstages und der Liturgie (Gebetsordnung) und schreibt dies den Verantwortlichen nach Stein. Ab 1950 wird dann der Weltgebetstag, getragen von der kirchlichen Frauenarbeit, in der sächsischen Landeskirche gefeiert. Er trifft auf offene Ohren und Herzen, nicht nur in den Frauenkreisen. Schon 1954 heißt es im Jahresbericht: "Der Weltgebetstag wird in immer mehr Gemeinden abgehalten und wird vielerorts bereits zur ständigen Einrichtung." Es wurden bereits 35.000 Gebetsordnungen versandt. Im gleichen Jahr erhielt die Frauenarbeit auch eine Beihilfe aus der Weltgebetstagskollekte für den Erwerb des "Haus Esther" in Kipsdorf.

Die Teilung Deutschlands, die damit verbundenen politischen Spannungen zwischen beiden Systemen und der starke Druck auf die Kirche führten Anfang der 50 Jahre dazu, dass die deutsche Gebetsordnung in zwei Varianten herausgegeben wurde. Manche Texte konnten in der DDR nicht verwendet werden, weil sie inhaltlich oder aufgrund ihrer Herkunft die Herausgabe der Gebetsordnung verhindert hätten. Die Evangelische Frauenhilfe in Potsdam übernahm die Weltgebetstagsarbeit für die DDR. Dort wurde auch in Arbeitsgruppen Begleitmaterial herausgegeben. Ab 1971 konnte eine umfassende Arbeitshilfe angeboten werden.

Ende der 60er Jahre nimmt Landespfarrer Richard Garbe an der DDR-weiten Vorbereitung des Weltgebetstages in Berlin teil. Er initiiert die Herausgabe einer Diaserie. So werden von 1970 bis 1990 in der Frauenarbeit in Sachsen die Diaserien zum jeweiligen Weltgebetstagsland für Sachen und für die anderen Landeskirchen hergestellt. Im ersten Jahr waren es 135 Exemplare für Sachsen, 1977 bereits 1.100 Stück. Die ersten beiden Serien erarbeitet Pfarrer Garbe maßgeblich, danach übernahm dies Gudrun Althausen, Referentin der Berlin-Brandenburgischen Frauenhilfe.

Vom aufwändigen Diaversand berichtet Maria Winkler, 1980 – 1986 Sachbearbeiterin für den Weltgebetstag:
"Mit Frau Althausen, der damaligen Vorsitzenden des Weltgebetstagskomitees in der DDR, fuhr ich Ende des Jahres mit einem Bildband des kommenden Weltgebetstagslandes zum Fotografen Schumann nach Leubnitz-Neuostra (Dresden). Frau Althausen brachte diesen Band mit und hatte die Bilder schon ausgesucht. Er[Fotograf Schumann) bekam den Auftrag, die Fotos auf einem Farbfilm zu bannen. Der musste ca. 850. Mal kopiert werden für die noch damaligen 33 Kirchenbezirke. Er musste auch pünktlich fertig sein, damit er rechtzeitig den Gemeinden über die Kirchenbezirke zugeschickt werden konnte. Doch zuerst musste der Film vom Rat des Bezirkes für die Vervielfältigung genehmigt werden. Ich ging jedes Mal mit Herzklopfen dahin.

Ein Filmstreifen hatte 36 Dias. Diese Streifen waren alle auf mehreren großen Filmrollen aufgewickelt, die wir vom Fotografen abholten. Wir mussten diese Streifen an der richtigen Stelle auseinander schneiden und einzeln mit der Hand (!) aufwickeln, bis sie in die kleinen Filmdosen passten, die ich das ganze Jahr über in allen Fotoläden, an denen ich vorüberkam, erbettelt hatte. Wer im Büro nur etwas Zeit hatte, half mit. Später hatte der Fotograf ein Handkurbelgerät zum Aufrollen, das er uns borgte. Aber eben auch nur eines für die vielen großen Filmrollen. Wir haben es aber stets bis zum Versandtermin geschafft."

1975 wurde das Weltgebetstagskomitee in der DDR gegründet. Es war das einzige Komitee im Ostblock und übernahm die Unterstützung der Weltgebetstagsbewegung in den anderen sozialistischen Ländern. Die Weltgebetstagsarbeit entwickelte sich immer stärker zu einer ökumenischen Bewegung. Erste große Aufgabe für das neue Komitee war die Erarbeitung der Gebetsordnung für 1977 "Liebe wird zur Tat". "Der Weltgebetstag hat von seinen Anfängen an immer Beten und Handeln miteinander verbunden. Dabei war Teil des Handelns auch stets, Geld zu sammeln, um damit Frauen in Not zu helfen und die Arbeit mit Frauen zu fördern. In den ersten Jahren ausschließlich den vielen Not leidenden Frauen und Müttern in Deutschland zugute." (Dr. Ute Minor in "Miteinander unterwegs")

Bis zu 45% der Weltgebetstagskollekten in der DDR dienten der Unterstützung der Frauenarbeit in den Landeskirchen. Ebenso viel wurde über die Aktion "Brot für die Welt" oder über andere Kontakte für ökumenische Projekte im Ausland eingesetzt. Jedes Weltgebetstagskomitee sollte auch mit einem kleinen Teil der Kollekte die internationale Weltgebetstagsbewegung fördern. So lud das Komitee der DDR Frauen aus ganz Europa 1988 zur Europakonferenz mit dem Thema "Einander gerecht werden" nach Hirschluch/Storkow ein und finanzierte Frauen aus der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Polen die Reise und den Aufenthalt. Es war die Möglichkeit, Weltgebetstagsarbeit in den anderen sozialistischen Ländern zu unterstützen.

In den Zeiten des Sozialismus war es gerade der Weltgebetstag, der den Blick in die Welt öffnen konnte. Länder, die unerreichbar waren, wurden bekannt gemacht. Das Leben der Frauen dort, ihre Sorgen, ihre Freuden, ihre Ängste und ihr Mut bewegten die Menschen nachhaltig. Mit jedem Land, welches vorgestellt wurde, wuchs das Verständnis über ungerechte Strukturen in der Welt, über ökologische und soziale Probleme, über die negativen Auswirkungen der Globalisierung. Die Komiteemitglieder selbst bekamen Dienst-reisegenehmigungen für die internationalen Tagungen, ein Privileg in dieser Zeit.

Die Wiedervereinigung brachte die Weltgebetstagsbewegung in Deutschland sehr schnell wieder zusammen. Die Verbindung zwischen beiden war nie abgerissen, gegenseitige Unterstützung selbstverständlich. Zwar wurde die Geschäftsstelle zügig von Potsdam nach Stein verlegt, doch es wurde sorgsam darauf geachtet, dass es zu einem wirklichen Zusammenwachsen beider Komitees kam. Erst 1994 wurde die Vereinigung beider durchgeführt. Seitdem erfolgt alle Arbeit wieder zentral von einer Stelle in Deutschland aus.

Bettina Dörfel, ehem. Landesleiterin der Kirchlichen Frauenarbeit (2004-2016)