Die sechziger Jahre – Suche nach neuen Wegen

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Der entstandene ideologische Druck auf die Kirche hatte zur Folge, dass sich die Frauenarbeit verstärkt mit naturwissenschaftlichen und soziologischen Themen auseinander setzte. Die Frauen wollten neben ihrer eigenen Meinungsbildung auch auf die Fragen ihrer Arbeitskollegen, ihrer Kinder und Enkel antworten können. "Schöpfungsglaube und Weltverständnis", "Bibel und Naturwissenschaft", "Die alternde Frau in der Gesellschaft" seien beispielhaft als Themen genannt. Gleichzeitig wurde versucht, die Mütterarbeit in den Kirchgemeinden auszubauen und in den Mütterkreisen Frauen Grundlagenwissen zu Taufe und Abendmahl für die häusliche Unterrichtung der Kinder, aber auch moderne Erkenntnisse über die Erziehung von Kindern zu vermitteln. Um die Frauen zu befähigen, ihren Platz in Kirche und Gesellschaft selbstbewusst ausfüllen zu können, wurden die Bildungsangebote immer mehr verstärkt.

Die Kirche war insgesamt bestrebt, den ideologischen Vorwurf der "Rückwärtsgewandtheit" zu entkräften. Dies beinhaltete nicht nur moderne Themen, sondern auch das Hinterfragen "alter Strukturen", zu denen auch die Frauenarbeit gezählt wurde. Die Sinnhaftigkeit geschlechtsspezifischer Arbeit in der modernen Welt wurde angezweifelt und die Familie als Ganzes in den Gemeindemittelpunkt gerückt. Gleichzeitig bedeutete die selbstverständlich gewordene Berufstätigkeit der Frauen, dass es immer schwerer wurde, Ehrenamtliche als Trägerinnen der Frauenarbeit in den Kirchenbezirken- und Kirchgemeinden zu finden.

1960 wird Richard Garbe als Landespfarrer berufen.
Die Zusammenarbeit der verschiedenen Werke soll sich verstärken. So bietet die Frauenarbeit gemeinsam mit der Männerarbeit ab 1963 Familien-Erholungen an, Familien-Gemeindewochenenden werden konzipiert, auch mit der Mädchenarbeit der Landeskirche wird zusammengearbeitet. Die Frauen des Reisedienstes besuchen nicht nur Frauenkreise, sondern auch Haus- und Ehepaarkreise sowie Junge Gemeinden.

Das Interesse an Mutter-Kind-Erholungszeiten wurde immer stärker. Seit 1963 konnte in Bad Lausick ein Haus dafür genutzt werden. Die Zahl der Erholungszeiten stieg von zirka 20 Anfang der 60er Jahre auf 35 Ende der 60er Jahre. Diese vielen Wochen konnten nicht mehr von den ehrenamtlichen Betreuungsmüttern bewältigt werden, deswegen wurde von der Inneren Mission eine hauptamtliche Kraft für die Belegungen in Bad Lausick zur Verfügung gestellt.

Vom Landeskirchenamt wird weiter auf eine Veränderung der Struktur der Frauenarbeit und eine stärkere Zusammenarbeit der Werke der Landeskirche gedrängt. Die Zusammenarbeit wurde von der Frauenarbeit gewünscht und vorangetrieben. Allerdings lehnt die Frauenarbeit es ab, sich in "Frauen- und Familienarbeit" umzubenennen, wie dies in anderen östlichen Landeskirchen geschah.
"Nach eingehender Aussprache waren alle der übereinstimmenden Meinung, dass eine Veränderung der Amtsbezeichnung für das Landeskirchliche Amt [für Frauenarbeit] nicht in Frage kommt, vielmehr sollte danach gestrebt werden, eine Zusammenarbeit der Werke Männerarbeit, Frauenarbeit, Jugendarbeit und Katechetik (Elternarbeit) anzubahnen, die sich alle an der Familienarbeit der Gemeinden beteiligen müssten." (Beiratsprotkoll 25.Oktober. 1967)
Dagegen mündete die Suche nach verstärkter Zusammenarbeit mit der Jugend- und Männerarbeit der Landeskirche 1971 in die "Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Erwachsenenarbeit".

1973 wurde Elfriede Wagner als Landesleiterin berufen und 1976 Pfarrer Wolfgang Burkhardt als Landespfarrer. 1979 löst Eva Engelmann Elfriede Wagner als Landesleiterin ab. Ihr folgt 1986 Jutta Schumann.

1981 fand in Sheffield die ÖRK-Konsultation "Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche" statt. Frauen hatten die Frage nach der Geschlechtergerechtigkeit, nach dem Verhältnis von Frauen und Männern unter den Bedingungen männlich geprägter kirchlicher Strukturen und von Männern formulierter Theologie auf die Tagesordnung der Kirchen gesetzt. Die Ergebnisse der Konsultation mündeten 1988 in die Ökumenische Dekade "Kirchen in Solidarität mit den Frauen", um Frauen zum Handeln zu ermächtigen und Kirchen zum Handeln zu veranlassen. Die Ergebnisse der Konsultation von Sheffield wurden auch in der Frauenarbeit ausgiebig diskutiert, beeinflussten das Themenangebot und mündeten schließlich in der Beteiligung an der Ökumenischen Dekade "Kirchen in Solidarität mit den Frauen" 1988 - 1998.

Bettina Dörfel,ehem. Landesleiterin der Kirchlichen Frauenarbeit (2004-2016)