Aufbruchstimmung und neue Sorgen nach dem Ende des Sozialismus

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Die Auseinandersetzung mit feministischen Themen hatte einen Aufbruch in ein neues Selbstverständnis für die Frauenarbeit bewirkt. Dann brachte die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten den Aufbruch in ein anderes politisches System. Die Möglichkeiten für Neues schienen unbegrenzt zu sein. Doch in die Euphorie der Wende mischten sich schneller als erwartet bis dahin unbekannte Sorgen. Die kirchlichen Strukturen mussten neu geordnet und angepasst werden, auch die Frage nach der Zukunft der Frauenarbeit in rechtlicher und finanzieller Hinsicht stand im Raum. Der Stellenplan musste erstmals reduziert werden. Das Haus in der Bautzner Straße wurde vom Besitzer rückgefordert.

Aber die neuen Möglichkeiten wurden freudig genutzt. Herausragend dabei der Aufbau der Müttergenesung mit dem Mutter-Kind-Kurhaus in Gohrisch.

Im Januar 1991 beschloss die Kirchliche Frauenarbeit den Aufbau der Kurberatung und -vermittlung sowie die Schaffung einer eigenen Kureinrichtung. Reisereferentin Astrid Bodenstein wurde mit dem Aufbau der Arbeit beauftragt. Allen Beteiligten war klar, dass in diesem Vorhaben ein großes Wagnis und eine große Chance lagen. Das Erholungsheim der Inneren Mission "Haidehof" im Kurort Gohrisch wurde als Standort für ein Mutter-Kind-Kurhaus ausgewählt und der Verein Müttergenesung in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens e.V. gegründet. Im August 1991 begann der Aufbau der Landesgeschäftsstelle sowie des flächendeckenden Beratungs- und Vermittlungsnetzes für Müttergenesung in der Diakonie. Das geplante Mutter-Kind-Kurhaus "Haidehof" wurde vorab als Einrichtung des Müttergenesungswerkes anerkannt, Grundlage für die künftige Belegung durch die Krankenkassen.

Schon im Februar 1994 konnte der "Haidehof" eröffnen. Durch den unermüdlichen Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Müttergenesung und durch vielfältige Unterstützung konnte sich ein Traum verwirklichen und eine Hoffnung erfüllen. Das Engagement der Frauenarbeit für Mütter und ihre Kinder hatte eine zeitgemäße Form gefunden und hielt mit seinem Konzept bis zuletzt allen Qualitätsanforderungen stand.
Die Arbeit begann hoffnungsvoll und erfolgreich, aber schon 1998 traf die Müttergenesung ein erster schwerer Schlag: die Verkürzung der gesetzlich festgelegten Kurdauer von 4 auf 3 Wochen. Statt 11 mussten nun 16 Kurdurchgänge durchgeführt werden. Weitere Tiefschläge folgten: die Zuzahlungserhöhung für die Frauen und die Einschränkung des Mitspracherechtes der Versicherten bei der Wahl ihrer Kureinrichtung.

Immer weniger Kuren wurden bewilligt (anfangs fast 100 %, 2004 nur noch knapp 50%). Die Auslastung der Kureinrichtung sank deshalb von Jahr zu Jahr. Eine wirtschaftliche Katastrophe bahnte sich an. Mit allen denkbaren Mitteln wurde für den Erhalt des "Haidehofs" und des Vereins Müttergenesung gekämpft, umfangreiche Maßnahmen zur Kostenreduzierung eingeleitet. Es gelang trotzdem, die sehr gute Qualität zu halten. Doch die Bewilligungspraxis für Kuren durch die Krankenkassen verhinderte den Erfolg aller Bemühungen um den Erhalt des "Haidehofs". Zwar konnte im Februar 2004 noch das 10jährige Bestehen des Mutter-Kind-Kurhauses gefeiert werden, die finanzielle Situation des Hauses war jedoch kaum noch tragbar.

Im Mai 2004 musste der Verein für sich und das Kurhaus den Antrag auf Insolvenz stellen. Auch dem Insolvenzverwalter gelang die finanzielle Sanierung nicht, im November 2004 musste der Kurbetrieb eingestellt und das Haus geschlossen werden.
(Die ausführliche Chronik des "Haidehofs" finden Sie in der Zeitleiste unter 2004)

Eine Vielzahl von Fraueninitiativen und Frauengruppen entstanden seit Mitte der achtziger Jahre im gesellschaftlichen Rahmen, zum Teil mit starkem Engagement von Frauen aus dem kirchlichen Kontext. Mit diesen Initiativen wurde im Sächsischen Frauenforum zusammengearbeitet. Dort wurden erste Erfahrungen mit frauenpolitischer Arbeit gemacht, familienpolitische Arbeit wurde über die Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen begonnen.

Ab 1993 wurde wieder vertieft zur Dekade "Kirchen in Solidarität mit den Frauen" gearbeitet. Die Idee einer Frauenbeauftragten für die Landeskirche wurde vorangetrieben und die Tagung der Landessynode zur Dekade im Frühjahr 1995 mit vorbereitet. Im Mai 1993 wurde Pfarrer Burkhardt in den Ruhestand verabschiedet. Im Interview des "Sonntags" zum Abschied äußert er sich unter anderem zur Feministischen Theologie: "Feministische Theologie ist für viele ein Reizwort. Gewiß, es gibt viele Frauen, die davon wenig halten, die aber auch wenig Kenntnisse davon haben. Für mich war es immer wichtig, daß ich eine Sache kennen lerne, bevor ich darüber ein Urteil fälle."

Diesmal war klar, dass eine Frau diese Stelle übernehmen wird. Pfarrerin Elke Wöllner, Nachfolgerin von Frau Tunkel auf der Pastorinnenstelle, wurde kommissarisch die Leitung übertragen. Dann konnte Pfarrerin Ursula August zur Herbsttagung 1994 als Landespfarrerin eingeführt werden. Im Jahresbericht schreibt Jutta Schumann dazu: "Wichtigstes Ereignis der zweiten Jahreshälfte war für uns alle die Herbsttagung mit der Einführung der neuen Landespfarrerin in einem festlichen Gottesdienst in der Christuskirche Strehlen durch [Oberlandeskirchenrat] Auerbach. Die Bitte, dass Gott seinen heiligen Geist über Töchter und Söhne ausgießen möge und uns teilhaben und schöpfen lassen vom "lebendigen Wasser", zog sich durch den Abend. Und sie begleitet uns in den neuen Abschnitt der Arbeit."

1995 fand in Zusammenarbeit mit der Akademie Meißen die 1. Werkstatt der Frauen zu feministischer Bibelarbeit statt. Insgesamt acht Mal wurde diese Veranstaltung angeboten.
1994 musste der Auszug aus dem ehemaligen "Frauendienstheim" in der Bautzener Straße erfolgen, da mit dem Besitzer keine Einigung erreicht werden konnte. Die Möglichkeit für eigene Seminarangebote in Dresden fiel damit weg. Die Geschäftsstelle zog provisorisch nach Strehlen in das Gemeindehaus der "Christuskirche" in der Elsa-Brändström-Straße.

In diesen Jahren fanden das Erarbeiten und das Ausprobieren von neuen Frauenliturgien und Frauengottesdiensten sehr viele Interessentinnen. Auch Frauengeschichte wurde neu erforscht und vergessene Frauengestalten wieder aufgespürt. Ein kleines Buch "Frauen in der Kirchengeschichte Sachsens" wurde in Zusammenarbeit mit dem FrauenStadtArchiv Dresden und anderer Kooperationspartnerinnen herausgegeben. Daneben laufen die "normalen" Angebote der Frauenarbeit in den Kirchgemeinden, Kirchenbezirken und im "Haus Esther" weiter.
1995 wird die neue Ordnung der Kirchlichen Frauenarbeit bestätigt. In ihr heißt es nun: "Die Kirchliche Frauenarbeit hat die Aufgabe, anhand biblischer Zeugnisse auf der Grundlage des Evangeliums von Jesus Christus mit Frauen aus verschiedenen Arbeits  und Lebensbereichen Fragen der Zeit im Blick auf die eigene Situation zu bedenken und dadurch Glaubens  und Lebenshilfe zu vermitteln. Durch die Tätigkeit der Kirchlichen Frauenarbeit sollen Frauen ermutigt und befähigt werden, ihre eigenständige Verantwortung in den persönlichen Lebensbeziehungen, in Beruf, Familie, Kirche und Gesellschaft engagiert wahrzunehmen." Die Frauenarbeit wendete sich wieder explizit den Frauen zu.

1996 kann die Frauenarbeit wieder eine eigene Geschäftsstelle in der Kreuzstraße 7 eröffnen. Im August 1997 übernahm Christa Backmann in der Nachfolge von Jutta Schumann die Stelle der Landesleiterin. 1998 gerät die ganze Landeskirche in eine prekäre Finanzsituation. Ein Gesamt-Sparprogramm wird erarbeitet, in dessen Zusammenhang alle Ämter und Werke 25% ihres landeskirchlichen Zuschusses einsparen müssen. Dies bedeutet für die Frauenarbeit Personalreduzierung in allen Bereichen.
Im Juli 1998 wird in Zusammenarbeit mit dem Forum Evangelischer Frauen der Landeskirche, der Katholischen Frauengemeinschaft im Bistum Dresden-Meißen und dem Frauenwerk der Methodistischen Kirche der Abschluss der Dekade "Kirchen in Solidarität mit den Frauen" gefeiert. Stephanie Schütze aus dem Reisedienst kann als Delegierte am Abschlussfest der Dekade in Harare/Simbabwe teilnehmen.
Die Themen der Dekade allerdings haben sich damit nicht erledigt. Besonders das Thema "Gewalt gegen Frauen" reicht in die nachfolgende Ökumenische "Dekade zur Überwindung von Gewalt" hinein.

1999 kehrte Landespfarrerin Ursula August in ihre westfälische Heimatkirche zurück. Sie schreibt der Frauenarbeit rückblickend:"Es war und ist eine Stärke der Kirchlichen Frauenarbeit, dass sie ein flächendeckend arbeitendes Werk ist und die Aufgaben damit auf die Schultern vieler verteilt sind. Es ist eine Chance, dass sich so viele Frauen mit ihren unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten in ihr wieder finden können, auch (mit unterschiedlichen) Frömmigkeitsrichtungen. […] Ich sehe für die Zukunft der Kirchlichen Frauenarbeit auch die Aufgabe, offensiv in gesellschaftlichen Bereichen mitzuarbeiten. Die Trennung von Kirche und Welt – im Sinne des Rückzugs in eine Nische, ist nicht mehr notwendig und auch nicht mehr erzwungen."

Bettina Dörfel, ehem. Landesleiterin der Kirchlichen Frauenarbeit (2004-2016)